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Erinnerungen Johann D. Bloecker – 1933 bis 1947

Vorbemerkung

Dieses Gespräch zwischen Vater und Sohn ist fiktiv.

Es könnte aber so oder ähnlich stattgefunden haben, hätte ich mehr über Traumata gewusst. Mein Vater Johann Detlef Blöcker, geb. 1924 in Oldenborstel bei Schenefeld in Holstein, schrieb vor seinem Tod im Jahre 2000 seine Erinnerungen nieder und gab uns vier Kindern  (mir in Brisbane) ein Exemplar (Selbstverlag).

Ich verstand das damals als Auftrag, ihn nachträglich besser zu verstehen.

Peter H Blöcker am 09. Mai 2014

1933

——–

Kannst du dich an die „Machtübernahme“ durch Hitler erinnern?

Als die Nazis 1933 die Regierung übernahmen, herbeigeführt durch Volksentscheid, wollten sie nicht regieren, sie wollten die MACHT! Ihre bereits vorher klar formulierten Ziele sollten „mit Gewalt“ durchgesetzt werden, folglich nannten sie die Wende: „Machtübernahme“! Damals war ich 8,5 Jahre alt und wohnte auf einem Baürnhof im Norden Deutschlands.

Wie haben Eltern und Großeltern reagiert?

Die Ansichten im Hause waren unterschiedlich: „Nu wart dat beter!“ hörte ich mehrfach, Schweigen oder Stirnrunzeln nahm ich aber auch zur Kenntnis, wenn Besucher im Haus waren. Im Dorf wurde der Sieg der NSDAP mit einem Fackelzug gefeiert. Die Fackeln hatten wir in der Schule aus Torfsoden hergestellt, wie sie im Schulofen zum Heizen und Anfeürn benutzt wurden, und anschließend mit Petroleum getränkt. Ältere Schüler gaben uns dabei Anweisungen.

Wie reagierte eür Dorf?

Als der Zug vieler Dorfbewohner am Hof von Onkel X und Tante Y und Opa Z wendete, waren dort die Türen geschlossen. Niemand ließ sich blicken.

Ich schließe daraus, dass eine Ablehnung der Nazis eher eine Ausnahme war!

Und dein Vater?

Mein Vater war PG gewesen, vor der Machtübernahme jedoch wieder ausgetreten. Er hatte am Reichsparteitag in Nürnberg teilgenommen und seinen Tornister mit Wäsche, Verpflegung und seiner Schlafdecke gepackt, das habe ich noch genau vor Augen. Der Massenaufmarsch vor dem Führer hatte ihn zwar stark beeindruckt, aber trotzdem zog er sich später von allen Parteiaktivitäten zurück und trat sogar aus der Partei aus. Er hat nie mit mir über die Gründe gesprochen. Allerdings folgte er allen Reden Hitlers an unserem neün „Volksempfänger“.

Hatte deine Mutter eine Meinung zu den neün Machthabern?

Sie nahm wenig Anteil am politischen Geschehen. Dennoch nahm sie an allen Aktivitäten der Landfraün teil, um in Gesellschaft zu sein.

Was änderte sich für dich als Kind damals?

Bereits vor meinem 10. Geburtstag bettelte ich, ins „Jungvolk“ eintreten zu dürfen: Sport und Spiel begeisterten mich ebenso wie die Gelegenheit, Haus und Hof verlassen zu können und Freunde aus den Nachbardörfern zu finden. Besonders die Geländespiele machten mir viel Spaß, echtes Abenteür im Vergleich zum Alltag auf dem Hof! Später verließen wir dann auch unsere Gegend und fuhren ins Sommerlager an den Brahmsee und in zahlreiche norddeutsche Städte und Kleinstädte zu den „Reichsjugendwettkämpfen“. Das hat mir immer sehr gut gefallen, wir hatten viel Spaß! In den Wettkämpfen ging es für mich immer um Kameradschaft und Gerechtigkeit, das waren Werte, die ich als Junge sehr ernst nahm. Später las ich dann bei Hemingway„Nothing could be done against it: All a man can do is obey“!

Wie würdest du heute die Beziehung deiner Eltern einschätzen?

Meine Mutter war für meinen Vater ohne Einschränkungen die richtige Frau. Sie hatten sehr jung geheiratet, wie es damals auf dem Lande üblich war, und bis zum Tode meiner Mutter waren sie einander sehr zugetan. Meine Mutter „stand ihren Mann“ in der Landwirtschaft, sowohl auf dem Felde als auch im Kuhstall, und im Haus hatte sie sowieso das Sagen, wenn es um Ordnung und um Sauberkeit ging.

Samstags wurde grundsätzlich der Hof gefegt und geharkt, selbst wenn wichtige Feld- und Erntearbeiten anstanden. Es hieß, in den ersten Jahren sei es zu harten Auseinandersetzungen zwischen der noch rüstigen Altbäürin und meiner jungen Mutter gekommen, was ich aus heutiger Sicht ziemlich normal finde! Meine Grossmutter war eine starke und sehr selbstbewusste Frau, deren Mann 1914 in den Krieg musste und 1918 schwerkrank heimkehrte. Sechs Jahre später starb er an den Kriegsfolgen, und meine Oma musste den Hof mehr oder weniger allein bewältigen. Natürlich störte meine junge Mutter, dass die alte Bäürin im Hause alles besser wusste und alles konnte. Wie gesagt, im Haus und im Garten war trotz der täglichen Arbeiten auf dem Hof und im Feld alles tipptopp und „in de Reeg“ . Unser Garten konnte sich sehen lassen, und selbst bei langen Tagesarbeiten auf dem Felde ging meine Mutter in „ihren“ Garten, um vor dem Schlafengehen noch eine Stunde dort zu arbeiten oder zu verbringen.

Ich entnehme deiner Beschreibung, dass du eine glückliche Kindheit hattest und von den politischen Verhältnissen in Deutschland nicht viel mitbekommen hast.

Das ist sicher richtig. Alles drehte sich im Hause um die Bewältigung der täglich anfallenden Arbeiten: Meine Eltern standen um 4.00 Uhr in der Früh auf, melkten und fütterten die Kühe, und nach einem zweiten Frühstück begann die tägliche Arbeit, eben Routine je nach Jahreszeit, die sich bis in den frühen Abend zog. Gegen 21.00 Uhr schlief jeder. Meine Mutter war übrigens eine sehr fähige Hausfrau und beherrschte alle Koch- und Backkünste ihrer Zeit. Besonders gern probierte sie Neüs aus, gekauft wurde sozusagen nichts. Sie beherrschte die ganze Palette der Vorratshaltung, was Einkochen, Schlachten, Wurstmachen und Verarbeitung anging. Würste und Schinken hielten sich bis zum nächsten Schlachtfest und von Grützwurst und Schwarzsaür schwärme ich noch heute! Nähen und Handarbeit waren natürlich Daürübungen, nicht nur an den langen Winterabenden. Wenn wir drei Kinder abends lasen oder spielten, war meine Mutter beschäftigt mit Häkeln, Sticken, Nähen, Stopfen von Strümpfen, und das natürlich Abend für Abend. Was ich trotzdem erinnere: Wenn wir meinen Vater oder meine Mutter abends ansprachen oder Hilfe brauchten, hatten sie immer Zeit für uns. Trotz der vielen Arbeit gab es keine Hektik im Alltag, soweit ich mich erinnern kann. Alles ging ruhig seinen Gang.

1939 ——– Wie entstand der Wunsch, Lehrer zu werden statt den Hof zu übernehmen? Du warst der älteste und die Übernahme des Hofes war naheliegend.

Eine „höhere Schule“ in der Nähe unseres Dorfes gab es damals nicht, insofern ist es klar, dass meine Eltern allein aus finanziellen Gründen keinen Mittelschul- oder Gymnasiumsbesuch in Erwägung zogen. Obwohl wir alles zum Leben hatten, gab es wenig Bargeld, und das nächste Jungengymnasium war mehr als 30 km entfernt. Die allgemeine Schulpflicht war für uns ab 1938 acht Jahre, danach gingen die Kinder „in die Lehre“ und verließen ihr Dorf und ihr Elternhaus. Über eine Tante entstand die Idee, dass ich bei einem Schornsteinfeger in Dithmarschen in die Lehre gehen könnte. Im Hause wurde diskutiert, dass ich dann später als Meister einen „prima Bontje“ hätte : Schornsteinfeger würden gutes Geld machen und die Arbeit sei krisensicher! Mit meinem Vater radelte ich nach Dithmarschen zu einem Vorstellungsgespräch und einer schriftlichen Prüfung vor Ort. Noch am gleichen Tag erhielt ich eine Zusage des Meisters, und meine Laufbahn schien besiegelt. Im Herbst 1938 ging jedoch ein Schreiben ein, dass der Meister einen Schüler mit einem 9-jährigen Abschluss gefunden habe, der nach Lage der Dinge in allen Schulfächern, besonders im Rechnen und in der Raumlehre, mehr zu bieten habe. Damit war ich aus dem Rennen. Ich erinnere noch den Kommentar meiner Mutter: „Wer weiß, wofür das gut ist!“ Das tröstete mich natürlich. Um die Jahreswende musste mein Lehrer im Dorf Schüler melden, die für die Lehrerausbildung geeignet waren. Er war durch und durch Nationalsozialist und so folgte er dem Auftrag und schlug mich vor. Meine Eltern waren einverstanden, denn die Kosten sollten vom Staat getragen werden. Im gleichen Jahr – ich war 14 Jahre alt – wurde ich für ein „Landjahr“ angemeldet: Das bedeutete neun Monate Sonderförderung in einem Lager auf dem Lande. Der zuständige HJ – Führer auf Kreisebene fuhr eines Tages vor, um sich den Kandidaten anzuschaün. Er betonte den Einfluss der Landjahrerziehung für die Entwicklung eines Jungen vom Dorfe und meinte dann, im neün Staate müssten tüchtige Jungen wichtige Aufgaben übernehmen. „Das muss der Junge selbst entscheiden“, war die Antwort meines Vaters.

Und ich wollte. Alles bisherigen Erlebnisse sprachen dafür: Ein Lagerleben unter Gleichaltrigen, dies weit weg vom Dorf in einer unbekannten Gegend, dazu Lernen, Sport und Geländespiele laut „Dienstplan“ – das war was für mich“! Ich war bisher nicht über Hamburg hinausgekommen, und dieses Mal ging es nach Schlesien! Im Landjahrlager Hohndorf in Schlesien wurde ich zum zweiten Mal für den Lehrerberuf vorgeschlagen, offenbar brauchte die Partei Nachwuchs, und entsprechend ihrer Ideologie wurden geeignete Bewerber auf dem Lande rekrutiert. Ich absolvierte eine Prüfung, wurde dann zu einem Vorbereitungslehrgang geschickt und begann im Winter 1939/40 die Ausbildung auf der Lehrerbildungsanstalt Petershagen in Westfalen. Inzwischen hatte der zweite Weltkrieg begonnen: Die Wehrmacht war in Polen einmarschiert. Ich fand das beunruhigend, doch beschäftigten mich ganz andere Dinge, wir lebten in einer kleinen Welt. Ich denke gern an die Jahre dort zurück, denn Lernen machte mir viel Freude, und aus einer kleinen Dorfschule kommend hatte ich viel nachzuholen. Besonders im Deutschen, in der Rechtschreibung und in der Grammatik hatte ich erhebliche Lücken. Fleiß und Zielstrebigkeit waren besondere Tugenden, die ich ausbilden wollte und musste, um zu bestehen und klarzukommen, und zahlreiche Lehrer hier wurden meine Vorbilder. Ich hatte den Eindruck, richtig gute Lehrer vor mir zu haben – mir fehlte natürlich der Vergleich – und bemühte mich sehr, möglichst viel von ihnen zu lernen. Besonders gefiel mir, dass wir nicht kaserniert waren und in der Regel keine militärischen Uniformen tragen mussten, wie die Lehrer sie trugen. Es reichte die HJ – Uniform während der Woche und am Sonntag durften wir unsere Zivilkleidung tragen. Ich fand hier viele gute Freunde und Gleichgesinnte. Mit einigen habe ich nach dem Krieg wieder Kontakt aufnehmen können, wurden wir doch alle Dorflehrer im norddeutschen Raum, und kaum jemand ging später in die Kleinstädte Schleswig Holsteins. Ich erinnere mich besonders gern an die schöne Umgebung und an die Weser, wo wir im Sommer viel Zeit verbrachten und an warmen und heißen Tagen schwimmen konnten. Das kannte ich kaum von zuhause. Wenn die Lastschiffe im Schritttempo stromauf fuhren, hängten wir uns an die Schiffe, um dann schneller mit der Strömung wieder Richtung Meer zu schwimmen.

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Das klingt alles sehr idyllisch! Was habt ihr von der Terrorherrschaft der Nazis mitbekommen? Von den Verhaftungen politischer Gegner, von den Deportationen?

Petershagen hatte eine jüdische Gemeinde. Die Synagoge dort wies Spuren von Gewaltanwendung auf, die uns an die Kristallnacht im Reich erinnerte. Natürlich sahen wir das und sprachen darüber. Als ich 1940 nach Petershagen kam, waren die jüdischen Männer bereits abgeholt worden. Hinter vorgehaltener Hand hiess es, sie würden in der Rüstungsindustrie arbeiteten und in Lagern wohnen. Die Fraün sah ich auf ihren Wegen zum Einkauf und vor den Häusern, wenn sie saubermachten. Die Kinder fuhren täglich mit der Kleinbahn nach Minden zur Schule. Im zweiten und dritten Kriegsjahr waren auch die Fraün mit im Zug nach Minden. Wie erzählt wurde, arbeiteten sie in den Werken, wo der “Fieseler Storch” gebaut wurde, ein langsam fliegendes Flugzeug, das auf sehr kurzer Bahn starten und landen konnte. Juden durften im Zug nur stehen. So waren die Gesetze. Wie erlebten auf diesen Zugfahrten nach Minden und zurück oft, dass ein Abteil leer war, doch im Gang drängten sich jüdische Fahrgäste, verunsichert und ängstlich, so mein Eindruck. Wir “braunen Jungs”, so nannte man uns in der Umgebung der Lehrerbildungsanstalt LBA , taten uns dann immer wieder zusammen und standen Schmiere, wenn der Schaffner vorbei war. Wir forderten die jüdischen Fahrgäste auf, sich in den Abteilen zu setzen und gaben ihnen Signale, wenn der Schaffner zurückkam. Das funktionierte immer ohne Probleme. In den beiden Häusern, in denen ich wohnte, wurde die “Sonderbehandlung” der Juden abgelehnt. Ich hörte immer wieder: Die sind wie du und ich, sie haben sich nichts zuschulden kommen lassen! Der Dr. X war früher unser Hausarzt, ein netter Mann! Er war Offizier im Ersten Weltkrieg und wurde wegen Tapferkeit vor dem Feind mit dem EK 1 ausgezeichnet! Ich gehe davon aus, die meisten Menschen missbilligten die Anordnungen von oben. Wir wagten aber nicht, offen darüber zu sprechen. Wir wussten genau, was passierte, wenn wir gegen die Anordnungen verstiessen: Man würde uns auch abholen und wir würden in den Lagern verschwinden. Als ich 1942 aus den Ferien nach Petershagen zurückkehrte, waren die Häuser der jüdischen Familien leer: Sie sind alle in den Lagern, hiess es.

Ich erinnere genau die Sommerferien 1942. Ich kam zuhause an und war wie alle anderen von der Schulleitung aufgefordert worden, aus der Kirche auszutreten. Künftige Erzieher hätten nichts am Hut mit der christlichen Religion jüdischer Prägung. Mir war die Kirche nicht wichtig: Da hatte die neü Erziehung ausserhalb des Elternhauses bereits Spuren hinterlassen. Ich brachte mein Anliegen vor, aber meine Mutter schüttelte stumm den Kopf. Oma begann zu weinen. Ich schämte mich.
Ich kehrte also ohne Kirchenaustritt nach Petershagen zurück und stellte erleichtert fest, dass ich nicht der einzige war, der Mitglied der evangelischen Kirche blieb. Es wurde auch kein weiterer Druck auf uns ausgeübt, das Thema verschwand einfach von der Tagesordnung.

Auch die öffentliche Hinrichtung eines jungen Polen habe ich ansehen müssen, als eines Tages der Unterricht ausfiel, wir antreten mussten und Richtung Westen in den Wald marschierten. Wir erreichten eine Lichtung, auf der sich viele Menschen versammelt hatten. Er hatte ein Verhältnis mit einer jungen Frau begonnen, deren Mann an der Front in Russland war, hiess es. Ich konnte mittags nichts essen und musste mich übergeben.

Wie hast du die LBA in Erinnerung?

In unserer Institution wurde viel für die künftigen Lehrer und Erzieher getan. Im Winter 1941/42 fuhren wir nach Weihnachten in den Harz, wo wir in einem zweiwöchigen Lehrgang Skifahren lernten. In den letzten Übungstagen waren wir schon in der Lage, die Strecke Altenau – Brocken im Langlauf hin und zurück zu bewältigen. Ein Jahr später folgte ein Skilehrgang in Imst in Tirol, der uns den Zugang zu weiteren Techniken ermöglichte. Mir gefielen die steilen Abfahrten und Sprünge sehr, kannte ich sowas doch überhaupt nicht aus meiner flachen Heimat. Im Sommer 1942 nahmen wir an einem Segelfluglehrgang in Barntrup bei Detmold teil und legten auf dem “Gleiter” unsere A-Prüfung ab. Der Erwerb des B-Scheines sollte anschliessend folgen. Kein Wunder, dass sich eine ganze Gruppe freiwillig zur Luftwaffe meldete. Ich war dabei, weil das Fliegen mir nie zuvor empfundene Gefühle der Freiheit vermittelte. Sowas hatte ich noch nie erlebt und meine Begeisterung war grenzenlos. Doch wurden wir nicht angenommen: Görings Flieger brauchten zu dieser Zeit keinen Ersatz. Es gab 1943 bereits Engpässe bei der Fertigung neür Maschinen, und die Luftwaffe litt bereits unter Spritmangel. Beim Wehrersatzamt in Minden wurde uns aber eine Alternative angeboten: Ein höherer JF-Führer und ein SS-Offizier warben für die Waffen-SS und stellten uns eine baldige Einberufung in Aussicht. Ich lehnte entschieden ab und begründete das mit meiner Ausbildung, die ich abzuschliessen hätte, das würden auch meine Eltern von mir erwarten. Das wurde akzeptiert.

Natürlich wollte wir 18-jährigen Studenten in den Krieg, weil wir glaubten, an der Front gebraucht zu werden. Das bezog sich besonders auf die Situation im Osten, wo die deutschen Truppen offensichtlich Nachschub und Verstärkung brauchten. Wenn wir von den “Blitzkriegen” hörten, kam uns schon mal der Gedanke, wir würden zu spät kommen, wir würden etwas versäumen, wenn wir nur unsere Berufsausbildung im Blick hatten. In jenen Jahren hätte ich mich gern bei der Kriegsmarine freiwillig gemeldet, aber mein Vater verweigerte die Zustimmung, und ohne seine Unterschrift war nichts zu machen. Ausserdem war er in Russland an der Front, für mich also nicht zu erreichen. Dann kam im Februar 1943 die Einberufung zum Heer. Bereitwillig folgten wir “der Fahne ins Feld.” Rund zwei Wochen lang wurden wir geschliffen, und zwar in einer Kaserne in Aachen, wo meine Freunde und ich – wir waren etwa 25 Kameraden aus Petershagen – erstmals mit den negativen Seiten der Kommissausbildung konfrontiert waren. Ein Gefreiter als Hilfsausbilder durfte uns “Affe” nennen, weil der Stahlhelm vielleicht nicht richtig sass. Oder wir wurden über den Kasernenhof gejagt und mussten von der gegenüberliegenden Maür aus rufen: “Ich bin ein grosser Idiot”! Der Vorgesetzte von der Gegenseite aus: “Lauter, ich kann nichts hören!” Das ging so lange hin und her, wie es dem Vorgesetzten gefiel, ganz nach seiner Laune und seinem Ermessen! Ich fand das entwürdigend und dachte an die schöne Zeit in Petershagen zurück. “Mein Gott, was ist denn das !” stöhnte abends ein guter Freund von mir. “Hier ist man ja weniger als ein Furz, der darf wenigstens noch stinken!” Ich erinnere eine Situation im Pferdestall, den wir zum Appell vorbereitet hatten und der blitzblank sauber war. Als der Ausbilder in den Stall trat, fielen gerade frische Pferdeäpfel ins Stroh, worauf dieser Mann einem Rekruten befahl, sie mit den Fingern aufzusammeln und zu entsorgen. Ich war schockiert. Da wir jung und sportlich waren, war die militärische Grundausbildung für uns kein Problem, im Gegenteil, wir erlebten sie überwiegend als sportliche Herausforderung, Belastungen, die wir einfach so wegsteckten. Ausserdem kannten wir diese Art von Schleiferei und Schikane aus der Landjahrausbildung, und der Satz des Gröfaz “Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie die Windhunde” war uns natürlich bekannt. Vielleicht hat uns diese “Erziehung” später an der Front tatsächlich das Leben gerettet!

Du warst vor deinem ersten Fronteinsatz noch in Frankreich, oder?

Richtig, unsere weitere Ausbildung erfolgte in einer Kaserne in St. Etienne in Frankreich, wo wir gleichzeitig Rekruten und Besatzungssoldaten waren. Die Kaserne lag mitten in der Stadt. Klar war, dass die Bevölkerung uns nicht mochte, wenn wir zackig und laut singend durch die Strassen marschierten, um das Übungsgel ände ausserhalb der Stadt zu erreichen. Doch mir gefiel die Freizeit, wenn wir uns überall in der Stadt bewegen konnten und in den Geschäften und Läden einkaufen konnten oder mit der Strassenbahn fuhren. Wir kehrten auch ein und trafen auf viele Menschen, die freundlich waren. Einige zeigten allerdings ganz offen ihre Ablehnung. Auch war die “Resistance” in der Umgebung aktiv, und wir wurden gewarnt und auf die Gefahren hingewiesen. Gleise und Strommasten wurden auf dem Lande gesprengt und Schüsse auf unsere Torwache fielen nachts. Per Fahrrad wurden wir meist nachts in “Jagdkommandos” in alle Himmelsrichtungen geschickt und entfernten uns etwa 20 km von der Kaserne in gut ausgerüsteten Gruppen, um die Gegend zu kontrollieren. Ich hatte aber nie “Feindberührung”, dem Himmel sei Dank!

Vom Krieg hast du bisher also nichts mitbekommen.

Wir konnten uns das Geschehen an der Front natürlich nicht vorstellen. Es gab in diesen für uns eher ruhigen Monaten auch Verletzte. Auf einem langen Marsch über Land wurde “Fliegeralarm” geübt. Alle Gewehre und die leichten Maschinengewehre (MG) waren mit Platzpatronen geladen und mussten auf dem Marsch “gesichert” getragen werden. Da der Schütze sich das MG auf die Schulter legte, Lauf nach hinten, bewegte sich beim Marschieren die Mündung des MG direkt vor dem Kopfe des Hintermannes. Ein solches MG ging beim Marsch eines Tages los und jagte einem Soldaten den zersplitterten Holzpropfen in Stirnhöhe gegen den Stahlhelm. Die Haut im Gesicht war glücklicherweise nur angeritzt, doch war das Gesicht im Nu blutig und alle waren furchtbar erschrocken. Was eine Platzpatrone anrichten konnte, erfuhr ein Grenadier, der sein MG ungesichert in die Kaserne brachte und es forsch neben seinen Körper auf den Boden stellte, als der entsprechende Befehl kam. Die gesamte Ladung drang dem Schützen in die Achsel, weil er seine Meldung “Lauf frei” ohne Kontrolle abgegeben hatte. Neben seiner schweren Verletzung folgte dann auch noch eine Untersuchung wegen Verdachts auf Selbstverstümmelung. Unf älle beim Handgranatenwerfen und beim Scharfschiessen blieben nur deshalb ohne Folgen, weil unsere aufmerksamen Ausbilder blitzschnell reagierten.

Nach Abschluss der Grundausbildung wurden die meisten Soldaten nach Griechenland und Jugoslawien verlegt. Wir blieben zurück in der Kaserne und begannen eine dreimonatige Ausbildung als Reserveoffiziersbewerber (ROB). Vorweg erfolgte ein schriftliches Examen und eine Prüfung im Gelände, in beiden Bereichen konnte man aber nicht durchfallen. Für diesen Lehrgang waren wir ausgewählt worden aufgrund unserer Vorgeschichte und der Lehrerausbildung. Offenbar brauchte das Heer an der Front dringend Ersatz, und wir sollten die Lücken füllen. Positiv war für uns, dass wir auf diese Weise nicht unvorbereitet in den Krieg zogen. Vielleicht half uns das später in Russland zu überleben.

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Und dann ging es tatsächlich an die Front nach Russland!

In der Tat. Ende 1943 ging es nach 14 Tagen Urlaub von Kassel aus an die Ostfront zur “Frontbew ährung”, wie das damals hiess. Vor meiner Abreise hatte ich nach einem furchtbaren Luftangriff auf die Stadt italienische Kriegsgefangene – sie waren nach dem Badoglio-Putsch entwaffnet worden – zu Aufräumungsarbeiten in das zerstörte Industriegebiet zu führen, wo die weitere Produktion von Kunstfaser wieder anlaufen sollte. Rund ein Dutzend RO-Bewerber reisten dann ohne mich ab, da ein nachgeschicktes Telegramm aus Südfrankreich mich zwang, wegen Diphtherieverdacht ins Lazarett zu gehen. Erst nach einer mehrwöchigen Untersuchungsreihe wurde ich gesund entlassen und reiste als Einzelreisender an die Ostfront, wo ich meine Truppe im Südabschnitt aufsuchen sollte. Meine Marschpapiere führten mich über Warschau und Brest-Litowsk von Frontleitstelle zu Frontleitstelle in Richtung Kiew. Doch bevor ich die alte ukrainische Hauptstadt erreichte, hatten die Sowjets die Verschiebebahnhöfe Kasatin und Fastow überrrant. Eine Umleitung gab es nicht. Unser Zug musste mit zahlreichen anderen Zügen zurück nach Westen, um zu retten was zu retten war. Dann fuhr der Fronturlauberzug, mit dem ich unterwegs war, über Schitomir und Berditschef nach Odessa.

In diesen Tagen fiel Kiew in russische Hände. Ich war mittlerweile drei Wochen unterwegs und immer noch nicht an der Front angekommen. Die Hauptversorgung Richtung grosses Dnjeprknie mit Kriwoi Rog und Nikopol war unterbrochen, eine Katastrophe für die ganze Südfront. Von Odessa aus fehlte eine Bahnstrecke an der Küste entlang nach Nikolajew und Cherson. Deshalb transportierte man uns mit Lastwagen auf schnee- und eisglatten Wegen weiter, von immer neün Verzögerungen unterbrochen. Vom östlichen Bug aus ging es schliesslich mit der Eisenbahn nach Alexandrowka, ein Städtchen westlich des unteren Dnjepr. Ich hatte inzwischen einen Eindruck bekommen von der  äusserst schwierigen Nachschubproblematik an der Ostfront in Russland. Ich sollte in den Brückenkopf Nikopol zur 9. ID Infantriedivision. Das Land lag unter einer Schneedecke von ca. 30 cm, und mit Lastwagen und Schlitten wurde die Wegstrecke bis zum mehrere hundert Meter breiten Dnjeprstrom zurückgelegt, wo eine Autofähre wartete. Die letzten Kilometer im etwa 100 km langen und nur 10-15 km tiefen Brückenkopf ostwärts des Flusses schaffte ich schliesslich mit unserem Essenfahrzeug, das die warme Abendverpflegung und die Kaltverpflegung des kommenden Tages w ähred der Dunkelheit bis kurz vor die Hauptkampflinie (HKL) zu den Stützpunkten brachte. Ich hatte mich im Kompaniegefechtsstand zu melden, den der Fahrer direkt anfuhr. Am Stützpunkt davor wurde ein Gefallener aufs Fahrzeug gelegt, der hinge beim Tross bestattet werden sollte. Neben dem Toten sass ich nun im Schlitten und sah ihm ins Gesicht, wenn eine Leuchtrakete ein flackerndes fahles Licht auf die Schneefläche warf, und macht mir so meine Gedanken. Der Gefallene neben mir liess mich wiederholt frösteln, aber es war nicht die Kälte von Minus 10 Grad. Ich musste “mannhaft” sein, der ROB-Gefreite hatte “Haltung zu bewahren”, so war es uns anerzogen worden. Doch die Nähe des Toten, meine erste Begegnung mit einem toten Soldaten, das hatte uns keiner vermitteln können, darauf hatte uns keiner vorbereitet. Ich weiss noch, dass ich mich mit den Gegebenheiten abfand. Hätte man mich gefragt, ob ich lieber umkehren würde angesichts der Nähe der Front, hätte ich vermutlich verneint, ich wollte kein Feigling sein. Aber mich fragte natürlich keiner, diese Frage stellte sich überhaupt nicht. Ich glaubte hier mithelfen zu müssen, mich bewähren zu müssen, ein Mann zu werden, so war uns das vermittelt worden und ich glaubte daran. Der Krieg musste möglichst schnell zu einem Ende kommen, und ich wollte dabei sein. Mit den Essenholern ging ich nach vorn und durfte mich bis Weihnachten in den Häusern und Bunkern des Kompanietrupps an die Nähe der Front gewöhnen. Und die lag in einem kleinen Steppendorf. Hier hörte man das Rumoren der nahen Front permanent, und die russische Artillerie schickte täglich ihre Grüße ins Dorf. Irgendwo brannte es immer. Dann waren einzelne Soldaten unterwegs, um Balkenholz der Dachstühle zu bergen, denn das war das einzige Brenn- und Nutzholz draussen in den Stellungen. Es gab hier in der Ukraine keine Wälder. Brennmaterial im eisigen Winter der Steppe war rar und kostbar. In diesen Wochen hatte ich erneut eine Krankheit zu bewältigen, dieses Mal Mumps. Nach meiner Genesung wurde ich einer Gruppe zugeteilt, die ein schweres Maschinengewehr bedienten (SMG), insgesamt waren wir fünf Männer. Wir waren einer Schützenkompanie unterstellt. Diese hatte in rund sechs Wochen eine winterfeste Stellung mit einem geräumigen Bunker gebaut, der mit einer gut einen Meter dicken Erdschicht gesichert war. Es gab einen Esstisch mit Hockern rundum und eine etwa 70 cm über der Sohle belassene Schlafpritsche für zehn Personen. Bei Einbruch der Dunkelheit sorgte ein kleiner Kanonenofen für eine angenehme Wärme. Wegen des Rauches durfte aber tagsüber nicht geheizt werden. Eine durchgehende Hauptkampflinie war nicht vorhanden; die einzelnen Einheiten bildeten Stützpunktem die auch rundum verteidigt werden konnten. Unsere beiden SMG lagen am linken und und am rechten rand des “Igels”. Der Verbindungsgarben zwischen den beiden MG war so tief, dass ein grosser mann ihn aufrecht begehen konnte, ohne gesehen zu werden. Die Männer hatten viel Arbeit in diese Anlage gesteckt, sie hatten geschuftet wie die “Berserker”. Unser Gruppenführer war nicht gerade ein Vorbild für mich und entsprach gar nicht meinen Erwartungen. Im Zivilberuf Sch äfer war er über Jahre in den Höhen des Westerwalds Chefputzer, und erst mit seiner Beförderung zum Unteroffizier musste er sich der kämpfenden Truppe anschliessen. Hinter vorbehaltener Hand hiess es, er sei im Suff befördert worden und niemand habe dabei daran gedacht, dass er seinen Posten verlassen würde und an der Front eingesetzt werden könnte. Bereits bei der ersten Begrüßung wurde ich auf den Arm genommen: “Lehrer werden? Na, das sagt ja alles!” Und es folgten zwei Schulmeisterwitze, die unter der Gürtellinie lagen. Die meisten Soldaten an den den Schweren Maschinengewehren hatten wenig Fronterfahrung, einige hatten jedoch den Kaukasusfeldzug miterlebt und überlebt und wussten einiges zu berichten. Drei Männer aus dem Siegerland und dem Westerwald respektierte ich besonders, tapfere und erfahrene Soldaten, darunter ein Feldwebel als Zugführer. Die Mehrheit der Männer war als Ersatz in die dezimierte Kompanie gelangt, um den Brückenkopf zu stärken. In meiner Gruppe waren zwei magenkranke Soldaten, was ich ihnen im Gesicht ansehen konnte. Besonders lebhaft erinnre ich mich an einen Gefreiten, der als Schütze 1 in meinem “Gewehr” eingesetzt war. Er ass wie ein Scheunendrescher und hatte sich über Silvester eine Teufelsgeige gebaut, die er so perfekt beherrschte, dass er im heutigen Fernsehen als Heino hätte auftreten könnnen. Er sang auch vergleichbar gut und kannte viele Texte auswendig. Was aber nicht gut ankam waren seine dummen Kommentare nach dem Essen: “Hoffentlich muss ich nun nicht raus und hole mir bei vollem Magen einen Bauchschuss!” Unser Gruppenführer verliess den Bunker kaum: “War lange genug mit meinen Schafen draussen, jetzt geniesse ich das Innenleben!” war sein Standardspruch. Er war Nichtraucher und tauschte gern seine Rauchwaren gegen Süßigkeiten ein, die wir um Weihnachten und Silvester herum in ausreichender Weise auch aus der Heimat zugestellt bekamen. Ich sehe noch vor mir, wie er hinter dem Ofen die Süßigkeiten für seine Frau einpackte und nach Hause schickte, was mich rührte.

Wie sah so ein Stellungskrieg aus?

Der erschöpfte sich in beiderseitigem Schusswechsel, wenn ein Ziel ausgemacht war. Die Russen hatten Scharfschützen eingesetzt. Die fürchteten wir besonders, denn wenn man seinen Kopf bei der Wache zu sehr über die Deckung hob, war man Zielscheibe. Wir hatten bereits einen Toten mit Kopfschuss in unserer Stellung. Wachposten am MG duften nicht zu lange am “Gewehrtisch” stehen, denn auch nachts wurde gelegentlich “blind” auf einen möglichen Standplatz unseres Postens geschossen, wobei am Tage zuvor die Position bestimmt worden war. Diese Erfahrungen hatten unsere Soldaten gemacht und gaben sie an uns weiter. Bei einem Schneegestöber hatte ich zu lange auf das verschwimmende Grau gestarrt, als ein Geschoss dicht an meinem Kopf vorbei hinter mir in die Deckung einschlug. Immer wieder schlugen Granaten und Artilleriegeschosse auf unserem Stützpunkt ein, doch war das nicht gefährlich, solange sie nicht die Stellung direkt trafen. Nachts kam gelegentlich ein gut gepanzerter Doppeldecker heran, den wir “N ähmaschine” nannten. Die Besatzung warf in unregelmäßigen Abständen Bomben auf unseren Abschnitt. Als Neuling gab ich ein paar gut gezielte Schüsse mit meinem Karabiner ab, als die Maschine in einer mondhellen Nacht etwa 300 Meter hoch von Osten her näherkam. Ich benutzte Leuchtspurmunition, um eine Schusskorrektur vornehmen zu können, und gab zügig hintereinander Schuss für Schuss ab, bis ein deutlich vernehmbarer Treffer auf Metall zu hören war. Der Motor setzte aus, das Flugzeug machte eine scharfe Wendung nach unten, was ich als Absturz deutete. Ich vernahm ein lauter werdendes Rauschen, das in ein Pfeifen überging. Intuitiv ging ich gerade noch rechtzeitig in Deckung, als es fürchterlich krachte. Der Motor sprang wieder an, und das Flugzeug entfernte sich Richtung Osten. Ich hatte den Fehler gemacht, unsere Position zu verraten. Die Bombe riss einen beachtlichen Trichter in den frostharten Boden genau zwischen MG-Stellung und Bunker. Meine Kameraden fluchten zurecht über mein Verhalten, wussten allerdings, dass mit die Erfahrung fehlte. Die Maschine kam immer wieder und die Besatzung warf viele kleine Sprengbomben auf Verdacht, teilweise mit der Hand direkt aus dem Flugzeug. Sehr wirkungsvoll und für uns gefährlich. Ich war zu einem Zeitpunkt an die Ostfront geschickt worden – vier volle Kriegsjahre waren vergangen – als unsere 9. ID eine der 10 Divisionen war, die eine 120 Kilometer lange Sehnenstellung ostwärts des Dnjepr gegen eine grosse Übermacht zu halten hatte. Auch der Gegner hatte nur Stützpunkte, keinen durchgehenden verbindenden Graben. Wir wussten von der geschwächten 24. Panzerdivision, die als einzige Reserve im Hinterland stand. Wie die Gesamtsituation an der Ostfront insgesamt aussah, wussten wir überhaupt nicht, hofften nur, dass die Stäbe sich Gedanken machten und wussten, was sie taten.

Ihr hattet also insgesamt den Eindruck, eür Einsatz vor Ort war sinnvoll? Unglaublich!

Im Grunde stellte sich diese Frage nicht. Wir hatten keinerlei Einblick in die allgemeine Weltlage, und auf den Krieg bezogen hofften wir nur, dass wir das Ende erleben würden. Es ging täglich darum, den kommenden Tag zu erleben. Ein Rückzug war nicht möglich. Wir waren alle aufeinander angewiesen, und niemand dachte daran aufzugegeben. Es hiess einfach nur aushalten und nicht aufgeben und nicht sterben. Hattet ihr Informationen über die Gesamtlage vor Ort?

Mir war bekannt, dass der Brückenkopf nicht nur sowjetische Streitköpfe band. Wir waren auch vor Ort, um die Mangan- und Nickelgruben von Nikopol auszubeuten. Unsere Rüstungsindustrie brauchte diese Bodenschätze dringend, und das besetzte Gebiet sollte als Sprungbrett für einen neün Vorstoss im Südabschnitt nach Osten dienen, wenn das Ostheer wieder offensiv werden konnte. Hitler hatte das industriell so wertvolle Donezbecken im Blick, das beim Rückzug 1943 verlorengegangen war. Führer aller Kampfverbände unseres Brückenkopfes war General Schörner, ein Gebirgsjäger und sehr tapferer Mann, der im ersten Weltkrieg mit dem “Pour le …” ausgezeichnet worden war. Er galt als “Steher” und hatte deshalb auch das Kommando an so exponierter Stelle erhalten. Der General war umstritten wegen seiner Härte und seiner Unberechenbarkeit: Einmal beförderte er einen Obergefreiten aus einer bestimmten Situation heraus zum Feldwebel, ein andermal degradierte er einen Oberfeldwebel zum gemeinen Soldaten. Er war folglich gefürchtet, aber auch hochangesehen. Seine Männer wussten, dass sie sich auf ihn verlassen konnten. Und das sollten wir auch erfahren. Frontbew ährung betraf nicht nur meine Person als RO-Bewerber, sondern auch dir mir unterstellten Soldaten. “Blöcker geht auf Spähtrupp” – wenn dieser Befehl kam, murrten meine Männer, denn sie mussten mit. Ich hatte ihnen das eingebrockt, denn ich wollte ja befördert werden, so die Gedanken. In unserer “schweren Kompanie” ging normalerweise niemand “auf Spähtrupp”, das war Sache der Schützenkompanien. Ende Januar schlug das Wetter um. Statt Daürfrost gab es Tauwetter, ein erheblicher Temperaturanstieg mit einer Wärme von fast 10 Grad über Null. Die alten Hasen wussten, die richtige Zeit für eine Offensive der Russen: Sie würden versuchen, unseren Brückenkopf abzuschneiden. Ich hatte mich gerade frisch rasiert, weil ich mich beim Chef der Schützenkompanie melden sollte, um einen Anpfiff einzustecken. Gerade hatte ich ein Viertel meines Kaffeewassers für die Rasur abgezweigt und war dabei, mein Gesicht einzupinseln, als ein Melder den Bescheid brachte: “Um x Uhr am späten Abend am Ostrand des Dorfes sammeln! Absetzbewegung Richtung Lepeticha!” Das hiess Räumung des Brückenkopfes. Sehr schnell war alles gepackt, und wenig später war die Räumung der gesamten Stellung vorbereitet. Ein alter Hase präparierte am Bunkereingang eine Handgranate mittels eines Drahtes derart, dass nachrückende Feinde eine Explosion auslösen würden, sollten sie die Tür zum Bunker unvorsichtig öffnen. Beide “Gewehre” waren pünktlich am Sammelplatz und warteten auf den Gruppenführer. Fahrzeuge und schwere Waffen rollten zügig vorbei, Marschkolonnen in langen Reihen folgten und ordneten sich ein. Schmelzwasser und Schlamm reichten bis zum Knie. Zum Glück war der Boden in der Tiefe noch gefroren, er wäre sonst grundlos gewesen. Wir bewegten uns bald in einer von Fahrzeugrädern durchimxten dicken Schlammbrühe mühsam vorwärts. Wer seitlich des Weges marschierte, quälte sich durch zähen Schlamm. Die berüchtigte “Rasputiza” (Tauwetter und Frühjahrsschlamm) hielt uns fest und behinderte unseren Rückzug. Das galt natürlich auch für den Feind hinter uns. Mein Gruppenführer setzte sich ab, er sei unabkömmlich, und befahlt mir, die Gruppe zu übernehmen. Die finstere Nacht, kein Mondlicht, begünstigte unsere Absetzbewegung. Hinter uns wurde geschossen, die Nachhut tat ihre Pflicht und hielt den Feind aus. Doch die 15 km bis zum Dnjepr sollten zum Alptraum werden.

Bereits nach wenigen Kilometern begannen meine Stiefel sich aufzulösen. Dann ein Ruf von hinten: “Ich kann nicht mehr!” Einer der beiden Magenkranken.

Zun ächst reichte Ermunterung, dann übernahm jemand sein Gewehr. Schliesslich musste er untergehakt und mitgeschleift werden. Endlich gelang es uns, ihn auf einen Panjewagen zu laden. Kaum war das geschehen, meldete sich der n ächste Fusskranke! Auch den vermochte ich nach einigen vergeblichen Versuchen auf ein Fahrzeug zu wuchten.

Mittlerweile lief ich auf Socken, die Sohlen waren abgefallen. Stunde um Stunde verrann, von beiden Seiten stiessen Kolonnen dazu, ein richtiger Schlamassel. Alles dr ängte zusammen, weil es hier nur eine Übersetzstelle gab. Überholversuche von marschierenden Gruppen und von Fahrzeugen aller Art waren an der Tagesordnung. Wir mussten vor Tagesanbruch auf der anderen Flussseite sein. Wer weiss, was uns morgen in der Frühe am Ostufer des Flusses erwartet, so dachte wohl jeder.

Ich hatte meine beiden Gruppen l ängst verloren, lag ich auf dem Marsch doch zwischen den Pferden eines überholenden Trainwagens im tiefen Dreck. H ätten Fahrer und Beifahrer mein Schreien und das Erschrecken der Pferde nicht bemerkt, h ätte das böse für mich ausgehen können. Ich h ängte mich an eine Gruppe Infanteristen und fuhr mit dieser in einem Sturmboot bei einbrechender Dunkelheit über den Strom. Hinter uns noch endlose Schlangen gemischter Verb ände. Das hohe Westufer bedeutete Sicherheit!

In Bolschaja Lepeticha, ein grosses Steppendorf, herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander: Panzer, Geschütze, Ketten- und Radfahrzeuge aller Art, dazu pferdebespannte Wagen der Trosse und immer wieder marschierende Einheiten und Gruppen sowie Einzelpersonen, die bemüht waren, wieder Anschluss zu finden. Das alles auf total aufgeweichten, schlammigen Wegen. Hier im Ort lagen Bretter vor den H äusern, die zuliessen, dass man ungehindert vorankam.

Ich hatte zwei Anliegen: Wo gab es festes Schuhzeug? Und wo waren meine M änner, lag die Truppe? Bald hatte ich Knobelbecher an den Füssen, und nach einigem Hin und Her war eine Hinweistafel gefunden, die die Marschrichtung meines Bataillons anzeigte. Ein Feldgendarm an einer Weggabel nannte das Nachbardorf, wo sich u.a. die 4. Kompanie sammelte. Am frühen Nachmittag waren alle wieder zusammen. Wir reinigten Waffen, Ger ät und Kleidung und empfingen unsere Essensrationen. Der Unteroffizier warf mir totales Versagen vor, weil ich die Gruppe nicht geschlossen zurückgeführt hatte, aus seiner Sicht wohl richtig. Er liess meine Rechtfertigung, dass hilflosen M ännern unterwegs geholfen werden musste, nicht gelten…und endete schliesslich mit den Worten: “Halten Sie die Klappe, Sie Feigling!” Das war natürlich zu viel, das brauchte man sich selbst beim Kommiss nicht sagen zu lassen. Ich nahm mein Gewehr und sagte, dass ich mich beim Zugführer und beim Chef beschweren und um Versetzung in eine andere Gruppe bitten würde. Er wollte mich zurückhalten, doch ich ging einfach weg.

Feldwebel B stimmte vorweg zu, und unser Chef sagte nach meiner Meldung und nach Rückfragen: “Einverstanden, Sie melden sich in der Gruppe des Obergefreiten B und übernehmen dort das 2. Gewehr”! Bis zum Abend hatte ich Zeit, mich in die neü Gemeinschaft einzufinden.

Dann kam nach Einbruch der Dunkelheit der Befehl: “Gruppe B mit 2 SMG, dazu eine Granatwerfergruppe mit 2 schweren Werfern mit doppeltem Munitionsvorrat ausrüsten und zum Abmarsch fertigmachen!” Kurz darauf standen 2 Kettenfahrzeuge einer Luftwaffenfeldkompanie bereit, nahmen uns mit allem Gep äck auf und fuhren dann mit uns rund 50 km nach Norden durch Schlamm und Dreck. Was das werden sollte, war nicht bekannt, doch wir fanden es natürlich gut, nach den Erfahrungen der letzten Nacht nun so komfortabel zu reisen. Die Raupenschlepper rutschten und schlingerten, qu älten sich aber durch den tiefen Schlamm, ohne zum Stand zu kommen.

Als es morgens früh hell wurde, hatten wir Marinskoje am westlichen Dnjeprknie erreicht, Ziel unserer Nachtfahrt. Hier nahm uns ein Offizier der 17. ID in Empfang und gab uns die nötigen Informationen zur Lage und danach den Einsatzbefehl.

Was war geschehen? Vorweg ein kleiner Rückblick. Die Russen hatten nach ihrem Sieg bei Stalingrad und ihrem Vorstoss über den Don w ährend des ganzen Jahres 1943 die deutsche Armee immer weiter gen Westen gedrückt. Der Kaukasus wurde wiedergewonnen, das Gebiet am Asowschen Meer, das Donezbecken und schliesslich das gesamt Gebiet östlich des Dnjepr, mit Ausnahme zweier Brückenköpfe am Unterlauf des Stromes. Und im Vormarsch nach Westen war der mittlere Dnjepr selbst an vielen Stellen überwunden worden, um südlich des Flusses gesicherte Brückenköpfe für weitere Offensiven zu schaffen. Ziel: die Befreiung der gesamten Ukraine. Damit bestand grosse Gefahr für die weit östlich stehenden deutschen Verb ände, abgeschnitten und eingekesselt zu werden. Besonders gef ährdet war die 6. Armee, die bis zum Schwarzen Meer die Stellungen hielt. Im Januar 1944 erfolgte nun also solch ein Versuch. Die russischen Truppen 
stiessen bei Kriwoi Rog aus einem der Brückenköpfe Richtung Westen vor und versuchten bis an den Bug zu gelangen. Wir w ären also zwischen Dnjepr und Bug eingeschlossen. Gelang der Vorstoss nicht, sollte er bis ans westliche Dnjeprknie bei Marinskoje gehen. In der Folge w äre das Gebiet östlich davon eingekesselt und Nikopol verloren.

Die Situation an unserem Standort sah wie folgt aus: Die durchgebrochenen feindlichen Truppen vom Strom bei Marinskoje fernhalten, damit die Verb ände östlich davon, einschliesslich die im noch nicht ger äumten Nordteil des Brückenkopfes Nikopol, einen Ausweg nach Westen behielten. Der Befehl lautete: Beide Gruppen der 9. ID, heute morgen angekommen, werden an der Rollbahn weiter nordwestlich Stellung beziehen, um den durchgebrochenen Gegner, der im freien Raum operiert, aufzuhalten, bis die zu Fuss nachgerückten Teile der 9. ID dann in diesem Abschnitt eintreffen und den Feind stoppen könnten. “Es muss kein Himmelfahrtskommando sein”, so hiess es, “denn vielleicht kommen die feindlichen Truppen gar nicht so schnell heran!” Anschliessend wartete ein Einweisungskommando der 17. ID auf uns und führte uns ins offene Gel ände Richtung Apostolowo. Nach gut zwei Stunden unter der Last unserer Waffen, der Munition, der Verpflegung und des Gep äcks auf der relativ trockenen Rollbahn erreichten wir zwei Hügel beiderseits des in letzter Zeit kaum benutzten Weges. Das waren sogenannte Goten- oder Skythengr äber. Von diesen aus hatte man einen weiten und vor allem freien Blick über das wellige ukainische Land. Diese markanten Punkte im Gel ände wurden uns als Stellungen zugewiesen. Wir fanden infanteristisch angelegte Stellungen vor, die nur erweitert werden mussten. Zuletzt hiess es noch, diese Stellungen zu halten, bis das Bataillon nachgerückt w äre; das sollte in zwei Tagen sein. Nachschub an Munition wurde uns zugesagt. Anschliessend blieben wir allein zurück, knapp 20 Soldaten mit einer Bewaffnung, die eine grosse Feürkraft bedeutete. Im Laufe des Nachmittags waren unsere Stellungen vertieft, erweitert und getarnt. Vor uns auf der Höhe lag ein Dorf in etwa 2,5 km Entfernung. Hinter uns in einem Abstand von 300 m eine für die Ukraine typische Heckenreihe, das Strauchwerk bis zu 3 m hoch, der Streifen 8 – 10 m breit. Hier hatten die Granatwerfer ihre Stellungen bezogen. Auff ällig im Gel ände zur Rechten zwei Lastwagen, die gut einen Kilometer von uns entfernt standen. Ich wollte wissen, was das zu bedeuten hatte, sprach mich mit dem Gruppenführer Becker ab, nahm einen seiner M änner mit und machte mich auf den Weg. Beide Lastwagen trugen das Kennzeichen der OT (Organisation Todt, Baüinheiten, wie sie für die Wehrmacht auch im besetzten Gebiet t ätig waren) und steckten bis zu den Achsen im Schlamm. Fussspuren verliefen Richtung Dorf. Wir reimten uns zusammen, dass Fahrer und Beifahrer auf der Flucht vor den sowjetischen Truppen qürfeldein das Weite gesucht hatten, bis sie bei immer grundloser werdendem Boden aussteigen mussten, um sich zu Fuss in Sicherheit zu bringen.

Was hatten sie transportiert und zurückkelassen? Wir glaubten, unseren Augen nicht zu traün: eine halbe Wohnungseinrichtung, Radioapparate, Kleidung, Bettdecken und Kissen und Lebensmittel in Mengen, Leberwürste, Mettwürste, zwei ganze Schinken, Brotlaibe, K äse und Butter in grossen Blöcken, dazu Schnaps und Wein, Schokolade und Kartons voller Zigaretten. Ein Geschenk des Himmels für uns, die wir allein waren! Das alles würde den feindlichen Truppen in die H ände fallen, wenn sie vorrückten. Also mitnehmen, was wir tragen konnten! Unsere Kameraden staunten nicht schlecht, als sie unsere mitgebrachten Sch ätze begutachteten und unseren Bericht hörten. Vor Einbruch der Dunkelheit schleppte eine zweite Gruppe noch einmal heran, was sie tragen konnte, und alles wurde in unseren Stellungen untergebracht. In einem rasch hergestellten “Erker” meines Panzerdeckungsloches hingen zwei Daürwürste feinster Sorte, meine Gasmaskenbüchse war voll mit Zigaretten, in einer Vertiefung der MG Stellung lag ein Block Butter, alle Taschen waren mit Süssigkeiten und Schokolade gefüllt und fürmeinem Schlafplatz hatte ich mir ein richtiges Federkissen gesichert, allerding ohne Bezug. Eine Stimmung wie Weihnachten! Nur der Schnaps war im Laster geblieben. Ich schlief in dieser Nacht trotz der K älte in meinem Erdloch, das mit einer Zeltplane abgedeckt war, wie ein Murmeltier.

zeichn.Front

>>>>  (Wird fortgesetzt)

Copyright: Peter H Blöcker im Mai 2014 / Burleigh Waters, QLD, Australia

In memory of my father JDB

JDBloecker

Eltern in BNE copy