Man mag zu den Thesen von Richard David Precht stehen wie man will, der mit „apostolischer Glut“ „die Schulen“ in Deutschland „revolutionieren“ will, indem er alle alten Strukturen „aus dem 19. Jahrhundert“ (Humboldt) vorschlägt abzuschaffen: Keine Fächer mehr, keine Unterrichtsstunden, keine Fachlehrer und natürlich keine Noten. Das Thema Bewertung bzw. Erbringung von Leistungen kommt im Interview mit Thomas Kerstan und Martin Spiewak in der ZEIT (Nr. 16 / 2013) nicht vor. Stattdessen Projekte, Lehrerteams, Hirnforschung, Nachhaltigkeit und andere aus Schulprogrammen übernommene Schlagworte.

Nun ist zugegebenermaßen eine fundamentale Kritik von Schule und versagenden Lehrern und Lehrerinnen populär und wird wohl auch ohne Frage ein gewisses Maß an Verkaufserfolgen sichern, so dass Herr Precht auf das ihm zustehende Kindergeld verzichten kann, wie er sagt. Nur bleibt zu fragen: Von welchen Schulen und welchen Schülerinnen und Schülern spricht er denn überhaupt? Vom Kindergarten? Von der Grundschule? Von deutschen Gymnasien, die eine Abiturientenquote von 40 % eines Schülerjahrgangs / in vielen Stadtteilen auch mehr / produzieren? Und wie gelangt er zu der Feststellung, in deutschen Bildungsinstitutionen werde „nicht nachhaltig“ gelernt?

Mein Vorschlag wäre, einfach mal klar zu differenzieren und alle Vorurteile über Bord zu werfen.

Danach könnte Herr Precht dann einige Kindergärten, einige Grundschulklassen und vor allem einige Leistungskurse in deutschen Gymnasien besuchen, vielleicht in den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, Politik, Deutsch und Englisch und mehr, wenn es denn beliebt.

Nach wenigen Tagen müsste Herr Precht dann feststellen, wie naiv und ahnungslos er hier seine pauschale Kritik deutscher Bildungsinstitutionen formuliert hat, die mit Sicherheit dem nicht gerecht wird, was in unseren Kindergärten und Schulen geschieht und von Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern und auch Eltern Tag für Tag geleistet wird.

Vgl auch meinen Eintrag ENTHUSIASM > Gymnasium und Oberschule in der CLOUD

Nachtrag zum Artikel  Herr PRECHT …/ZEIT Nr. 16 (2013):

In der Regel schreibt Reinhard Kahl interessante Kolumnen zum Thema SCHULE / vgl. besonders auch seine Filme und das von ihm und anderen gegründete “Archiv der Zukunft” (ADZ).

Zu seinem Beitrag in der TAZ, das Sitzenbleiben müsse “unbedingt abgeschafft” werden, hier mein kurzer Kommentar:

Wenn Journalisten wie Herr KAHL zu diesem Thema  eine “feste Meinung” haben, kann das nur daran liegen, dass sie nichts mit Schule zu tun haben. Wenn auch Sitzenbleiben in vielen Fällen KEINE gute und sinnvolle Regelung ist, kann es doch nicht sein, dass dieses per Generalerlass bzw. von der Politik entschieden wird. (Eine Stimme Mehrheit von ROT – GRÜN im Landtag).  Damit haben diejenigen sich zu befassen, die aus langjähriger Erfahrung heraus den einzelnen Schüler / die Schülerin bezüglich Erfolgsaussichten im kommenden Schuljahr zu beurteilen haben. Ideologisches Entweder – Oder ist hier nicht mehr gefragt! Es geht um ein humanes und pädagogisch sinnvolles Abwägen: Lehrer/-innen neigen m.E. heute dazu, ein Sitzenbleiben IN JEDEM FALL zu vermeiden! Wer jetzt das per Erlass landesweit FÜR ALLE SCHULEN und für ALLE FÄLLE fordert, zeigt nur, dass er vom Schulalltag und von Versetzungskonferenzen keine Ahnung hat.

Auch Eltern und Schüler/-innen, um die es ja geht, wissen letztlich: Ein Sprung ins nächste Schuljahr, wenn die Erfolgsaussichten gleich NULL sind, kann sehr schädlich und psychisch äußerst belastend sein! Hätte man mir doch bloß rechtzeitig geraten, ein Schuljahr “freiwillig” zu wiederholen, ich wäre bestimmt glücklicher im Gymnasium und auch besser im Abitur gewesen! Gerade die These, einige Schüler/-innen brauchen eben MEHR ZEIT spricht dagegen, automatisch zu versetzen. Das wissen alle, die mit Schulalltag zu tun haben, viel besser als ideologisch geblendete Wissenschaftler und Journalisten.

Vgl. dazu auch meinen Beitrag vom 16. Februar 2013.