TIM PARKS, novelist and translator, published an article in the New York Review of  Books / 24 FEB 2013 / before the elections in Italy.
I have translated this article and abridged his text slightly, which I found most interesting. As I love Italy like the author himself, who has lived there for 32 years, I believe an Englishman in Verona with an Italian wife might be able to explain – from his own experience and personal views – what people in Italy feel like….

>> Der Autor betont vorweg die Lebenskunst der Italiener, für die sie bekannt seien: Trotz größter Schwierigkeiten so zu tun, als sei nichts geschehen und dabei völlig gelassen zu bleiben!
Insbesondere seien sie weiterhin verzaubert vom Rattenfänger Berlusconi, der angekündigt hat, nicht nur die “stiff property tax” sofort abzuschaffen, sondern sogar “privat” zu erstatten. Berlusconi legte erheblich zu, obwohl er nicht gerade dafür bekannt sei, für das öffentliche Wohl des Landes zu sorgen.

Der Autor lebt schon seit 32 Jahren in Italien. Zu seinen ersten frappierenden Beobachtungen gehöre das Verhältnis von Handlungen und ihren Folgen, was in den Ländern, die er kenne, nämlich Britannien und USA, völlig anders gehandhabt werde: In Italien trete man in öffentlichen Ämtern nicht zurück, wenn einem Amtsmissbrauch nachgewiesen werde: Man attackiere die Moralisten und mache weiter wie bisher.

Statistiken, so Tim Parks, weisen Steuervermeidung als endemisch verbreitet nach, und das umso mehr, je weiter man sich gen Süden bewege. In Neapel würden Zahnärzte weniger Einkommen erklären als Polizisten, woraus folgt, dass fehlende Steuereinnahmen durch höhere Steuern ehrlicher Steuerzahler sowie Kreditaufnahme durch den Staat ausgeglichen würden.

Trotz der bekannten Korruptionsskandale im Sport seien Fans sportbegeistert wie eh und je. Und dass Berlusconi als Besitzer des Fußballvereins A. C. Mailand zu Beginn seiner Kampagne den Fußballstar Mario Balotelli gekauft habe, habe ihn erneut in den Umfragen nach vorn gebracht.

Bekanntlich habe Mark Twain sich bereits 1869 über die palastartigen Eisenbahndepots angesichts eines völlig bankrotten Staates gewundert.

So richtig würden sich die Dinge also nicht ändern. Italien habe neulich die schnellste Bahnverbindung Europas fertiggestellt: Man bewältigt die Strecke von Mailand nach Rom in 2 Stunden und 45 Minuten (es sind 360 Meilen). In diesem völlig überschuldeten Land würden sich die Kosten für diese Ingenieursleistung auf erstaunliche 150 Milliarden Euro belaufen.
Niemand scheine jedoch zu wissen, woher das Geld kommt oder wie das Projekt zu bezahlen sei. Eins aber sei sicher: Geld, das legal in lokale Infrastrukturen hätte fließen müssen, habe seinen Weg in dieses Prestigeprojekt gefunden. Um die wenigen Schnellfahrer bedienen zu können, müssten Massen von arbeitenden Menschen nun wie bisher in schmutzigen und völlig überfüllten Zügen täglich ins Büro fahren. Allein das Prestige des Fortschritts würde hier zählen.

Mussolini, vielleicht der erste große Propagandist der neuen Zeit, habe diesen Aspekt der italienischen Psychologie verstanden. Der Glaube versetze Berge, weil er die Illusion vermittle, dass Berge sich bewegen. Vielleicht sei Illusion die einzige Realität im Leben.

Herr Berlusconi habe am 27 Januar, dem nationalen Holocaustgedenktag, zum Ausdruck gebracht, dass Mussolini gewissermaßen viele gute Dinge geleistet habe und eigentlich kein schlecher Kerl sei. Er habe in den Umfragen erneut zugelegt.

Leute außerhalb Italiens würden Herrn Berlusconi für einen Schuft halten und glauben, die große Mehrheit der Italiener würde sich von  ihm distanzieren. Sie könnten nicht nachvollziehen, dass ein Mann mit dieser Reputation von Korruption und seinen Interessenkonflikten im Zentrum der Macht bleibe (immerhin besitze er drei TV Kanäle und große Teile der Printmedien).

Die Antwort liege darin gegründet, dass sein politischer Instinkt genau den Nerv der Italiener treffe, der Wahrheit nicht ins Gesicht zu sehen (man möge zusätzlich die sehr langsame und komplexe Justizverwaltung und das Fehlen einer unabhängigen Presse berücksichtigen).

Das Spiegelbild von Herrn Berlusconi scheine der nicht-gewählte und zurückgetretene Premierminister Mario Monti zu sein, eher ein Hausmeistertyp, Professor der Ökonomie, der bekanntlich spät im Jahre 2011 “einsprang”, mitten in der Eurokrise.

Außenbetrachter seien überzeugt, Herr Monti habe einen guten Job gemacht und verdiene wiedergewählt zu werden. Das sei naiv.

Viele Italiener – und er stimme dem zu – seien der Ansicht, er habe sich lediglich dem Druck aus Berlin gebeugt, dort Ausgaben gekürzt, wo am wenigsten Widerstand zu erwarten sei und Besteuerung von Jedermann ohne Berücksichtigung der wirklichen Einkommensverhältnisse betrieben. Seine Wahlkampagne sei enttäuschend gewesen. Wie ein Kollege es ausgedrückt habe: Wenn man schon von der Regierung gefilzt wird, dann lieber vom Entertainer als vom Pedanten.

Ein Entertainer, der daraus Kapital schlage, sei Beppe Grillo, ein rüpelhafter Ex-Komödiant, der jetzt politisch geworden sei und als Blogger hervorgetreten sei: Er werde die korrupte politische Klasse hinwegfegen und verspreche eine Utopie mit Gehältern für die Arbeitslosen sowie eine 30 Stundenwoche. Sein Stil sei so demagogisch und seine Gruppe so sehr auf seine charismatischen Reden angewiesen, dass die ca 20 % Wähler, die auf ihn setzen würden, sich entschieden hätten: Es sei egal, ob Italien noch regierbar sei.

Alternativ sei es auch möglich, dass Menschen davon ausgehen, es könne sowieso nichts getan worden, so groß sei der Einfluss der Europäischen Union auf Italien, es sei also völlig egal, wen man wähle. Vielleicht steckten dahinter jahrhundertealter katholischer Paternalismus und sinnlose Wahlversprechen, aber niemand scheine sich praktische Reformen vorstellen zu können, wie man vom Jetztzustand zum gewünschten gelangen könne, stattdessen lieber Gebete und Steuerphantasien.

Mussolini habe später seinen Kommentar bezüglich von Illusionen korrigiert: Man könne die Realität nicht ignorieren, auch wenn das traurig sei.

Man frage sich jetzt, je näher der Wahltermin rücke, wie weit Italien noch von dem Moment entfernt sei, wo eine Leugnung der Realität (denial) nicht mehr möglich sei. Er, Tim Parks, könne sich vorstellen, Herr Berlusconi werde wiedergewählt, die Aktienmärkte würden zusammenbrechen, die Glaubwürdigkeit des Landes würde dahinschmelzen, so dass Herr Berlusconi in wenigen Tagen abtreten müsse. Doch dann würde sich wohl die perverse internationale Finanz der Sorgen Italiens annehmen.

Was in Italien nie in Erwägung gezogen werde, sei die Erkenntnis, dass schwere Fehler gemacht worden sind oder dass man sich einer Realität anpassen müsse, in der die ökonomische Initiative sich entscheidend nach Osten verlagert habe, mit ihr das Investmentkapital. Fast jedes politische Programm in Italien drücke den Wunsch aus, in die Vergangenheit zurückzukehren, statt den Platz Italiens in einer veränderten Welt zu verstehen.

Tim Parks ist Romanautor und Übersetzer. Demnächst erscheint sein Buch: “Italian Ways: On and off the rails from Milan to Palermo.”

Translation of the NYR article (slightly abridged) by Peter H. Bloecker 19 FEB 2013

>> To verify pls compare my text with the English original version: NYR- 24 FEB 2013 – Opinions